Sie liest sich wie ein Dessert aus der Schweiz und klingt wie ein Spaziergang in einer englischen Kleinstadt. Dabei entstand die erste EP Roekki Zimt von Nikolaus Wolf in der ländlichen Idylle Bayerns. Mit der aktuellen Heimatwelle hat der 31-jährige jedoch nichts zu tun. Er ist im Folk, im Britpop und generell in den 60er Jahren zu Hause, klingt mal so traurig wie Elliott Smith, mal so cool wie Liam Gallagher und mal so schön wie John Lennon. Und eigentlich heißt er ja Michi Rieder, dieser überaus nette und herrlich entspannte Typ aus dem Chiemgau, der auch in früheren Bands und Projekten als Songwriter mitmischte. Als Künstler leiht er sich den Namen seines Uropas aus. Nikolaus Wolf klingt spannend, eigenwillig und ein bisschen seltsam. Das gefällt dem Musiker, der auf dem Land urbane Klänge kreiert und ganz nebenbei auch schon zweifacher Familienvater ist. Passend dazu wackelten schon 2016 zahlreiche Babys in einer europaweiten Werbekampagne von Lidl zu „Human Lights“ durchs Bild. Auch für Film hat der Singer- Songwriter schon komponiert, die erste Zusammenarbeit mit Waldemar Oldenburger („Malina“, 2015) wurde dann gleich mal für den Publikumspreis beim renommierten „Montreal World Film Festival“ nominiert.

Seine Debüt-EP Roekki Zimt erscheint trotzdem erst jetzt, da Nikolaus Wolf lange im Studio an den Songs gebastelt hat. „Wir haben viel ausprobiert, rumgetüftelt und versucht, einen authentischen, eigenständigen und eher cineastisch angehauchten Sound zu kreieren. Ohne in Bombast und Kitsch zu verfallen“, erklärt er und meint mit „wir“ auch den Münchner Musiker und Produzenten Nicolas Sierig (u.a. Joasihno, Instrument). Die Kompositionen mit Gitarre und Stimme wurden dabei mit viel Feingefühl erweitert, so gibt es auf der EP auch Geigen, Xylophon, Piano, alte Vintage Synthies und immer wieder ein Mellotron zu entdecken. Die analogen Sixties lassen mit Melancholie und Wärme grüßen und treffen auf ungeschminkten und ehrlichen Neo Folk. „Klar haben wir Fehler zugelassen und nicht alles glattgebügelt. Genau sie sorgen doch für Leben in den Aufnahmen“, erzählt Michi Rieder über den Lo-Fi-Charme der Songs. „Dabei haben wir stark drauf geachtet, dass jeder Song auch nur mit Gitarre und Stimme funktioniert – ich glaube, genau das ist uns gelungen.“ Subtil fügen sich die Soundcollagen und grossen Momente ganz organisch in den puristischen Singer-Songwriter-Stil ein, und darüber schwebt Nikolaus Wolf’s markante Stimme, die alles frisch und aufrichtig hält. Hier geht es um Klangflächenkompositionen, in deren Zentrum der nackte Song stets als roter Faden präsent ist und dadurch umso mehr seine Wirkung entfalten kann. So entsteht großes emotionales Kopfkino auf kleinem Raum.

Mit Sunrise gelingt der perfekte Einstieg in diese eigenwillige Welt von Roekki Zimt, in die man sich zunächst leise reinschleicht, um dann konsequent neue Sphären zu entdecken. Am Ende steht man vor einer pulsierenden, psychedelisch angehauchten Klangmauer, von der Oasis, Blur oder Kula Shaker runtergrüssen. Die Single Snow Covered Fields und das folgende Bartender erinnern dagegen mit rumpelnden Beats, catchy Klaviermelodien und überraschenden Wendungen immer wieder an Eels, Leslie Feist oder auch Edward Sharpe & The Magnetic Zeros. Der Kreis schließt sich in der wunderbar minimalen Folkballade Human Lights, an deren Ende man wieder die Sonne am Horizont aufgehen sieht. So präsentiert Nikolaus Wolf auf seinem Debüt vier folkige Lieder, die sich nahtlos in die Tradition britischer und amerikanischer Sounds der 60er Jahr einfügen und trotzdem dem aktuellen Zeitgeist entsprechen.

Es ist die Liebe zu den kleinen Details, die das ganze zu etwas Eigenem machen und mit jeder Menge Charme und Persönlichkeit ausstatten. Da überrascht es nicht wirklich, dass Roekki Zimt am 24.03.17 auch komplett in Eigenregie (Oimo Music) veröffentlicht wird. Ja sogar das Artwork wird handgemacht, die Tonträger handnummeriert und das erste Video zur Single „Snow Covered Fields“ (Release: 20.01.17) mit Super8-Aufnahmen aus dem Familienbestand selbst produziert. Passend zum Soundideal gibt’s die EP natürlich auch als 10′ Vinyl Special Edition. Darauf finden sich als Zuckerl zwei zusätzliche Tracks, die gemeinsam mit Thomas Pronai (u.a. Bo Candy, Beatiful Kantine Band) komplett analog auf Band aufgenommen und produziert wurden.

War Nikolaus Wolf live bisher immer solo unterwegs, wird er im Zuge des EP Releases vorwiegend mit Band auf Tour sein. Aber egal, wie und wo man Nikolaus Wolfs Musik hört – immer findet man darin etwas Neues, immer etwas Besonderes, von dem man merkt, dass es mit Hingabe ausprobiert und umgesetzt wird. So ist das vermeintliche Dessert „Roekki ZImt“ eigentlich erst die Vorspeise und wir dürfen uns auf die nächsten Gänge freuen.